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MUSEUM OSTWALL IM U

"Alles ist Kunst": Dortmunds großer Wurf.

Dortmunder U ist um einen Baustein reicher: Mit dem Umzug des Museums in das Leuchtturmprojekt der Kulturhauptstadt, quasi auf den letzten Drücker, wurde die Sammlung neu sortiert. Und sie verlangt dem Besucher eine Menge ab.

 
Jochen Gerz 'Das Geschenk' im Eingangsbereich des MO.Eines vorweg: Als Freund des alten Museum am Ostwall liebte man das altehrwürdige Gebäude, das nach dem Krieg wieder aufgebaute Oberbergamt aus dem späten 19. Jahrhundert, mit seiner Atmosphäre, seinen Räumlichkeiten, seiner Weite und seinen Grenzen, mit denen die Ausstellungsmacher stets äußerst kreativ umgingen. Nun brauchte es in Dortmund aber ein Museum mit internationalen Standards, will heißen mit variablen Raummöglichkeiten, vielen weißen Wänden und einer großzügigen Offenheit. Diese wird im neuen Museum Ostwall, das den Markennamen MO trägt, vor allem im Entree auf der vierten Etage des Dortmunder U verwirklicht: ein Pi mal Daumen 10 Meter hoher Raum mit einer offenen Treppe lässt erkennen, dass sich das Museum über zwei Etagen erstreckt. Herausgestellt werden hier das Gebälk an der Decke sowie die schweren Säulen des ehemaligen Kellereihochhauses der Union-Brauerei. Die Besonderheit: Von der Wand begrüßen den Besucher hunderte Augenpaare, die Fotoserie "Das Geschenk" von Jochen Gerz ist ein Stück Ruhrgebiet, mehr noch Dortmund, entstand es mit insgesamt 4.889 porträtierten Ruhrstädtern im Jahr 2000 im Rahmen von "Vision Ruhr" auf der Zeche Zollern.

Das Museum als Kraftwerk
Mit der Verlegung des Museums Ostwall an seinen neuen Standort erfolgt eine Neupräsentation der Sammlung unter der auf Alexander Dorner zurückzuführenden Leitidee des "Museums als Kraftwerk". Auf über 1.750 Quadratmetern Ausstellungsfläche will das MO künftig als Energiezentrum verstanden werden, das einerseits der Bewahrung historischer Kunst dient, andererseits durch die museale Arbeit zur Diskussion in der Gegenwart anregt. Die Besucher beschreiten den Weg durch die Ausstellung in der vierten Ebene zeitlich rückwärts, beginnend mit den Werken des Fluxus. Im ersten Raum ist vor allem Ben Vautiers "Alles ist Kunst" (1970) programmatisch für diese Kunstrichtung, die Kunst und Leben zu einer Einheit erklärt. Der Rundgang führt vorbei an Man Rays Kleiderbügelmobile, an den Multiples, die hier wie in einem Kaufhaus in einer Vitrine ausgestellt sind, über Arbeiten der Nouveau Réalistes wie Jean Tinguely oder Daniel Spoerri, hin zu kinetischer Kunst und der Zero-Gruppe mit tollen Werken von Jesús Raphael Soto, Yves Klein, Otto Piene und Günther Uecker bis schließlich zur Klassischen Moderne. Hier wird der Museumsbesucher erst einmal aufatmen, trifft er auf 1933 von den Nazis als entartet angeprangerte, heute gefällige Motive von großen Künstlern wie August Macke, Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Schmidt-Rottluff. Und es waren gerade Arbeiten wie diese, die von der Gründungsdirektorin des Museums am Ostwall ab 1949 nach Dortmund geholt wurden.

Schwere Kost im MO?
Blick in die neue Dauerausstellung, im Vordergrund: Germaine Richters 'Mante réligieuse'.Liegt auf der vierten Etage der Ausstellungs- gestaltung ein System von bespielten Wegen und systematisierten Räumen zugrunde, schafft das MO in der fünften Etage mit beinahe monographischen Plätzen von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart offenere Strukturen. Auch hier beginnt die Schau wieder mit Werken des Fluxus. Nach langer Zeit ist erstmals wieder Wolf Vostells begehbare Rauminstallation "Thermo- elektronischer Kaugummi" zu sehen, die den Besucher mit einem Koffer in der Hand über am Boden liegendes Besteck und vorbei an gespanntem Stacheldraht schickt. Nicht minder befremdlich erklärt sich auch das Highlight der fünften Etage, das Joseph Beuys Kabinett nicht von selbst. Weitaus bodenständiger und von zahlreichen Anekdoten umrankt ist da die Kunst des Martin Kippenberger. Neben seinem in den Ruhrpott gehörenden Bild "M.h.m.v.d.Z.i.k.d.s.n.m.s." (Mama hol mich von der Zeche, ich kann das Schwarze nicht mehr sehen, 1989), erzeugt die "Laterne an Betrunkene" nicht bloß einen Bezug zu Kippenbergers ausschweifendem Alkoholkonsum sondern erzeugt auch den einen oder anderen Lacher. Wunderbar im neuen Museum Ostwall sind auch die zahlreichen Plakate Kippenbergers, die von teils derbem Humor, Selbstironie und dem Geist des Punk zeugen.

Neben zeitgenössischen Künstlern wie Anna und Berhard J. Blume, Adrian Paci, Tobias Zielony mit Arbeiten aus seiner wunderbaren Fotoserie "Tankstelle" und Freya Hattenberger kommt man im MO in der Gegewart an. Darüber hinaus wird der Besucher eingeladen, im Intermedia-Archiv des Künstlers Hans Breder Dokumente, Videos und Skripte von Kunstschaffenden wie Allan Kaprow oder Dick Higgins zu erforschen.

Produzent kreativer Energie
Das große Eröffnungswochenende des Museum Ostwall am 9. und 10. Oktober 2010 freute nicht nur die Kunstfreunde. Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau strahlt über das ganze Gesicht und erklärt: "Wir sind unserem Ziel einen schönen Schritt näher gekommen, das U über das Kulturhauptstadtjahr hinaus zu einem weithin sichtbaren Symbol für den erfolgreichen Strukturwandel in unserer Stadt zu machen. Das Museum Ostwall wird im Zusammenhang mit den anderen Partnern des U Strahlkraft für die ganze Region entfalten. Das ist kulturelle Nachhaltigkeit, die uns niemand mehr nehmen kann." Museumsdirektor Prof. Dr. Kurt Wettengl ist ebenfalls bester Dinge, zumal er und sein Team bis kurz vor dem Startschuss noch letzte Hand an die Ausstellung gelegt hatte: "Wir wünschen uns, die Leitidee des 'Museums als Kraftwerk' Wirklichkeit werden zu lassen …"

Insgesamt ist das MO mit seiner Sammlung im Heute angekommen. Doch wo ist das Flair von früher geblieben? Als Besucher findet man sich in einer austauschbaren Museumsarchitektur wieder, die nichts von ihrem Ort, dem U, erkennen lässt. Die Räume, wie sie für die Neupräsentation arrangiert wurden, sind klein und bieten wenig Offenheit. Da drängt sich unweigerlich der Vergleich mit Essen auf, wo das Museum Folkwang seit der Neueröffnung im Januar 2010 einen Erfolg nach dem anderen einfährt – mit gefälliger Kunst und toller Architektur. Um bei diesem Vergleich zu bleiben: Dortmund hinkt da allerdings nur zeitlich hinterher. Denn was die keinesfalls auf ein Massenpublikum ausgelegte Dauerausstellung betrifft, ist man unterm U kunsthistorisch betrachtet ganz weit vorn.

Unser Tipp: Als Besucher sollte man sich mindestens mit einem Audio-Guide durch das MO kämpfen. Besser noch eine Führung buchen und sich nicht scheuen, Fragen zu stellen.

Museum Ostwall im Dortmunder U

Leonie-Reygers-Terrasse
44137 Dortmund

Öffnungszeiten:
Di + Mi 10-18 Uhr, Do + Fr 10-20 Uhr, Sa + So 11-18 Uhr

Eintritt:
5,- EUR, ermäßigt 2,50 EUR
Samstags ist der Eintritt in die Dauerausstellung frei
 
 
 

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