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"BILDER EINER METROPOLE"

Ausstellung begeisterte 270.000 Besucher.

Der Titel der Ausstellung im Museum Folkwang trügte. "Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris" war keine Schau in ausschließlich getupften Pastelltönen. Sie zeigte gemalte und fotografierte Ansichten, das Leben in einer echten Metropole.
 

Pierre August Renoir, Tanz im Moulin de la Galette, 1876 © Musee d`Orsay, bpk/RMN/Hervé LewandowskiEs ging um Atmosphäre. Nicht mehr und nicht weniger. Der Dampf an den Bahnhöfen und auf der Seine, riesige Monumentalbauten wie den neuen Louvre und Monumente wie den Eifelturm, natürlich, die Metro, breite Straßen und die berühmten Boulevards und Parkanlagen lassen den Menschen nicht zum Statisten verkommen. Der Mensch agiert als Teil der Stadt, ist Bewohner und Besucher zugleich. Es ging um Mode, den typischen Pariser Chic, die vielleicht erste europäische Spaßgesellschaft, Begegnungen auf der Straße und auf Festen. Heute würde man dies alles vielleicht unter dem Titel "Lifestyle" zusam- menfassen. Es ging aber auch um politische Umwälzungen, Aufstände, harte Arbeit - und das nicht nur auf den Baustellen wie von Sarcé-Coeur, die viele Jahrzehnte das Gesicht der Stadt prägten. Die Ausstellung "Bilder einer Metropole" war als Spaziergang durch das Paris der Zeit von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Jahrtausendwende konzipiert. Auch wir haben uns an einem Freitagabend im Oktober 2010 auf den Weg gemacht, sind durch die thematisch angelegten Räume flaniert - und haben uns in einer wahren Metropole wiedergefunden.
 
Mittendrin und fast dabei
Zunächst verschafft man sich als Besucher einen Überblick. Der historische Hintergrund, die Gründe für den radikalen Umbau der ganzen Stadt, ist in einem kurzen Wandtext gut dargestellt. Zur Einstimmung zeigt Cadolles Gemälde "Blick auf Paris vom Triumphbogen an der Place de l'Etoile" (1843) eine Ansicht vom alten Paris im akademischen Malstil. Von hier geht es vorbei am "Quai des Orfèvres" hinauf zum Montmatre mit van Goghs "Blick auf Paris" (1886), das in groben und dicken Pinselstrichen das für die Stadt typische Dächergewirr darstellt. Man durchstreift die Parks, sieht zugleich die Monumente der Stadt - damals wie heute Attraktionen. So kontrastiert in Monets Werk "Saint Germain l'Auxerrois" (1866/67) die düster dargestellt gotische Architektur der Kirche mit einer fröhlichen und hellen Parkszene unter Bäumen. Weiter geht es durch das nächtliche Paris mit seinen Lichtern und auch Leuchtreklamen. Im Jahre 1900 dann das Highlight: die Weltausstellung. Maxime Maufras Bild "Nächtlicher Zauber" zeigt den Blick auf die Seine mit mehreren Schiffen und im Hintergrund das beleuchtete Gelände der Weltausstellung mit Pavillons und Eifelturm. Die Lichter spiegeln sich im Wasser. Am Ufer sind die Menschenmassen nur flüchtig dargestellt. Vom Eifelturm aus leuchtet ein Scheinwerfer in den dunklen Himmel und man mag, vielleicht ein wenig wiederwillig, an die nächtlich Lightshow denken, die heutzutage das Wahrzeichen der Stadt in einen kitschigen Discoturm verwandelt.
 
 Edouard Manet, Le chemin de fer, Die Eisenbahn, 1873, National Gallery of Art, Washington, Gift of Horace Havemeyer in memory of his mother, Louisine W. Havemeyer (c) Courtesy of the Board of Trustees, National Gallery of Art, Washington
Auch bei Tage ist der Fluss Seine ein beliebtes Motiv. So in Paul Signacs getupften Pastell-Gemälden, die im Hintergrund stets die Pariser Skyline mit den Landmarken Eifelturm und/oder Notre Dame zeigen. Diesen hellen Bildern gegenüber gestellt ist Paul Gaugins Version der Seine: eine eher düstere, expressive Ansicht. Ein weiteres Thema in "Bilder einer Metropole": die Bahnhöfe. Ein Hündchen auf dem Schoß und ein Buch in der Hand blickt die am linken Bildrand dargestellte Dame den Betrachter direkt an. Das kleine Mädchen neben ihr wendet sich ab und schaut durch das Gitter auf den Bahnhof Gare Saint-Lazare mit dem aufsteigenden Dampf. Edouard Manets Gemälde "Chemin de fer" (1873) fasst beinahe punkt- genau zusammen, was die Ausstellung meint: Paris, die Metropole, verändert sich rasant. Und die Menschen sind dabei.
 
Spannend ist, was nicht dargestellt ist
Weitere Motive der Straße sind Kioske, Droschkenpferde, Lebensmittelläden, Arbeiter oder einfach eine Massenszene wie in Adolph Menzels Bild "Pariser Wochentag" (1869). Die Menschen der Metropole treffen sich aber nicht nur unter freiem Himmel. Im modernen Paris geht man in den Zirkus, in die Oper und natürlich ins Café. Renoirs "Tanz im Moulin de la Galette" (1876) ist sicherlich eines der Highlights der Essener Ausstellung, wird es hier überhaupt erstmals außerhalbs Frankreichs gezeigt.  "Der 'Tanz im Moulin de la Galette' ist Renoirs Hauptwerk und eines der bekanntesten Gemälde der Kunstgeschichte. Millionen Besucher sehen es jedes Jahr im Musée d'Orsay. Nun präsentieren wir das Gemälde im Neubau des Museum Folkwang in einzigartiger Konstellation", erklärt Hartwig Fischer, Direktor des Museum Folkwang. Doch ein kleineres Gemälde direkt neben Renoirs fröhlichem Werk, Manets "Der Pflaumenschnaps", zieht ebenfalls, wenn nicht sogar viel stärker, das Interesse der Besucher auf sich. Durch den engen Bildausschnitt ist man als Betrachter ganz nah an der Dargestellten mit den müden Augen und dem leeren Blick. Den vor sich stehenden Schnaps hat sie noch nicht angerührt. Diese beinahe intime Szene ist zugleich belanglos. Viel interessanter wäre es zu erfahren, was um die Dame herum geschieht, wo sie sich befindet und ob die anderen Menschen in diesem Café ebenfalls allein sind. Thema ist das, was nicht zu sehen ist.
 
Gustave Caillebotte, Straße in Paris, an einem Regentag, 1877 © The Art Institute of Chicago, 2010, www.artic.edu/aicZu einem Spaziergang durch Paris gehören unweigerlich die Boulevards. Als Hauptwerk dieses Thema ist in Essen Gustave Caillebottes "Straße in Paris, an einem Regentag" anzusehen. Dargestellt ist eine typische Straßenszene. Am rechten Bildrand ein elegantes Paar unter einem Regenschirm. Sie flanieren die Straße wohl langsam entlang und blicken am Betrachter vorbei zu einer nicht auszumachenden Stelle. In der Bildmitte öffnet sich die breite Straße mit seinen Gefährten und weiteren Menschen. Alles bewegt sich, in verschiedene Richtungen. Im Hintergrund zweigt die Straße ab, verschiedene Gebäude mit einer einheitlichen Fassade sind ebenfalls perspektisch darge- stellt. Hier entsteht die Atmosphäre des Moments durch den Realismus der Malerei. Die Menschen begegnen sich flüchtig, blicken einander an. Als Betrachter fühlt man sich als Teil der Szene in diesem neuen Viertel, und das nicht nur wegen der Größe des Bildes. Unsere Blicke werden durch die Blicke und Laufrichtungen der Dargestellten gelenkt. Mal blickt einen ein Fremder an, dann bleibt unser Blick an dem nassen Straßenpflaster hängen.
 
Neben ca. 80 Gemälden von den berühmtesten und auch unbekannteren Malern zeigt die Ausstellung mit ca. 120 Fotografien der Zeit von Gustave le Gray, Edouard Baldus, Charles Marville, Louis-Emile Durandelle, Henri Rivière oder Eugène Atget zugleich einen anderen, dokumentarischen Darstellungen des alten Paris und des Umbaus. Und so wird deutlich, dass angesichts des neuen Mediums, das die Realität weitaus besser darstellen konnte, als die Malerei, diese neue Darstellungsformen entwickeln musste.
 
Louis-Emile Durandelle, Errichtung von Sacré-Coeur, 18 . April 1889, 1889, Bibliothèque Historique de la Ville de Paris © Foto : Roger-Viollet In zwei Räumen sieht man dann Fotografien von den nächtlichen Aufständen, die ein Grund für den Stadtumbau waren, wunderbare Aufnahmen vom Bau der Pariser Oper, der Metro, des Eifelturms, andere Stahlskelettkonstruktionen wie Brücken, Teerarbeiter, die berühmten Markthallen. Sehr beeindruckend sind dabei die von Charles Marville und Eugène Atget geschaffenen Serien von Straßenlaternen und Eingangstüren, die in ihrer Verdichtung unglaubliche Typologien darstellen wie sie später Blossfeld von Pflanzen und Bernd und Hilla Becher von u. a. Fördertürmen erstellten. 
 
Eine Metropole ist eine Metropole

Mit "Bilder einer Metropole" soll im Kulturhauptstadtjahr der Rückschluss auf das Ruhrgebiet als Metropole Ruhr gezogen werden. Karl Ernst Osthaus, der das Museum Folkwang 1902 gründete, gehörte zu den wichtigsten Sammlern der neuen französischen Kunst; als einer der Ersten erwarb er Werke von Renoir, Cézanne, Gauguin, van Gogh, Signac, Seurat, Rodin und Matisse für eine öffentliche Sammlung. Aufmerksam verfolgte Osthaus auch die problematische Entwicklung der Städte im Ruhrgebiet. Der Masterplan, den er als "General Bau- und Wegeplan für den Ruhrkohlenbezirk" 1907 entwarf, sollte sich als entscheidender Schritt erweisen, der zu verantwortungsvollem Planen und Bauen der urbanen Lebensräume in der von Bergbau und Stahlindustrie gezeichneten Region führte. Osthaus zielte auf eine große Transformation der Lebensverhältnisse, getragen von Kunst und Kultur. Mit dem Satz "Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel" benannte er dieses Ziel. Trotzdem: Auch im Jahr der Kulturhauptstadt ist das Ruhrgebiet lange nicht soweit.

 

Insgesamt machte die Ausstellung "Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris" sehr viel Spaß. Als Besucher fühlte man sich in den Bann dieser ganz besonderen Lebendigkeit hineingezogen, die von den ausgestellten Werken ausging. Eine Metropole kann so etwas. Zugleich war die Ausstellung inhaltlich sehr einfach zu erschließen, die Bilder, nicht nur die Impressionistischen, waren einfach zu lesen und erklärten sich zumeist von selbst.
 
270.000 Besucher in der Ausstellung
Die Ausstellung "Bilder einer Metropole – Die Impressionisten in Paris" im Essener Museum Folkwang endete am Abend des 30. Januar 2011 mit insgesamt rund 270.000 Besuchern und rund 4.300 Führungen. In den letzten zwei Ausstellungswochen öffnete das Museum Folkwang auch montags von 10 bis 20 Uhr, um den großen Besucherandrang aufzunehmen. Hartwig Fischer, Direktor des Museum Folkwang: "Es war ein großartiges Erlebnis, Werke wie Renoirs 'Tanz im Moulin de la Galette' aus dem Musée d’Orsay, Paris, oder Caillebottes 'Straße in Paris, an einem Regentag' aus Chicago hier im Museum zu zeigen. Der Erfolg der Ausstellung ist der wunderbare Abschluss eines ereignisreichen Jahres in der Geschichte des Museum Folkwang. Mein Dank gilt den Kuratorinnen der Ausstellung Françoise Cachin und Françoise Reynaud, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Museum Folkwang sowie unserem Partner E.ON Ruhrgas, mit dem wir 2010 zwei große Sonderausstellungen realisieren konnten.“

 

Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris

2. Oktober 2010 - 30. Januar 2011

Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel.: 0201 8845444

Öffnungszeiten:
Mo-So 10-20 Uhr, Fr bis 22:30 Uhr

 

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Kommentare  

 
0 #1 Claudi 2010-10-27 11:44
Also mir hat es wunderbar gefallen. Nur war ich zunächst irritiert, dass die Gäste einer Führung alle Kopfhörer tragen. Dann entpuppte sich das als toller Clou: Der Kunstexperte spricht in ein Mikro, was dann die Besucher hören. So ist es auch noch schön ruhig im Museum.
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