| AUFRUHR 1225! |
Historischer Wendepunkt an Rhein und Ruhr.Bis November ist im Museum für Archäologie in Herne die größte Mittelalterausstellung zu sehen, die es bislang im Ruhrgebiet gegeben hat. Etwa 1.000 Exponate zum Anfassen und Ausprobieren zeigen, wie die Menschen im 13. Jahrhundert lebten. 1225 kommt der Kölner Erzbischof Engelbert während eines Überfalls bei Gevelsberg gewaltsam ums Leben. Wie dieser Mord die Region veränderte, ist das Leitmotiv der größten Mittelalterausstellung, die bisher im Ruhrgebiet gezeigt wurde. Und damals ging es ganz und gar nicht zimperlich zu: Zunächst sieht das Geschehen aus wie ein brutaler Mord. "Die zeitgenössischen Schilderungen des Zisterziensermönches Caesarius von Heisterbach, der die Lebensgeschichte Engelberts niederschrieb, lassen auf eine äußerst blutrünstige Tat schließen", so Dr. Stefan Leenen, Projektleiter der Ausstellung. Über 40 schwere Hieb- und Stichwunden soll der Bischof erlitten haben. Eine Untersuchung der Gebeine durch den Kölner Gerichtsmediziner Prof. Dr. Günter Dotzauer bestätigte 1978 die Überlieferungen von Caesarius, der sich auf Augenzeugen stützte. "Der Tod Engelberts war dennoch vor der Tat nicht geplant", vermutet Leenen. "Wahrscheinlich wollten ihn seine Verfolger gefangen nehmen, um politische Zugeständnisse zu erpressen." Hätten sie den Bischof ermorden wollen, wäre ein einzelner Attentäter mit einer Armbrust ausreichend gewesen. "Als der Überfall schief lief, schlugen vermutlich alle zu, um sich anschließend nicht aus der Schuld stehlen zu können. Deshalb das Gemetzel."Mächtigster Mann nördlich der Alpen Als Mörder wurde Graf Friedrich von Isenberg beschuldigt, bald zum Tode verurteilt und ein Jahr nach der Tat auf grausame Weise hingerichtet. Auch andere Adelige sollen an dem Komplott beteiligt gewesen sein. Der Graf verwaltete die weltlichen Besitztümer des reichen Essener Damenstiftes, die ihm und auch schon seinen Vorfahren große Einnahmen beschert hatten. Das Stift und Engelbert wollten jedoch seine Rechte beschneiden. Der Erzbischof, damals mächtigster Mann nördlich der Alpen, wollte seine Machtposition weiter ausbauen. Die Ländereien des Damenstiftes hätten seine beiden Einflussbereiche im Rheinland und in Westfalen miteinander verbinden können. Weder Engelbert noch seinen Nachfolgern ist das gelungen. "Köln wurde daher nicht zur Zentralmacht in der Region, das Gebiet um die Ruhr blieb territorial zersplittert und ein Flächenstaat im Nordwesten des Reiches konnte nicht entstehen", nennt der Archäologe und Historiker eine Entwicklung, die der vermeintliche Mord entscheidend beeinflusst hat. "Die Teilung des Landes in das Rheinland und Westfalen ist zu einem gewissen Grad auch ein Erbe dieses Geschehens." Die Familie des Grafen erlitt nach der Verurteilung Friedrichs den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Niedergang. Ihre Burgen wurden zerstört, der Besitz entzogen und neu verteilt. Seine Brüder, die Bischöfe von Münster und Osnabrück, wurden abgesetzt. Am Leben und Sterben des Erzbischofs Engelbert von Köln und seines Kontrahenten Friedrich von Isenberg erzählt die Ausstellung von Mord und Fehde, Macht und Niederlagen, Raubrittern und Edelmännern. Neben "Klassikern" wie Waffen und Rüstungen, goldenen Reliquiaren oder Kochgeschirr lernen Besucher auch die kuriosen und unbekannten Seiten dieser Epoche kennen. Was machten beispielsweise die Knochen des ermordeten Erzbischofs auf der Hochzeitstafel des Königs? Warum galten Hände eines Gehenkten als Talisman? Waren die Schreibstuben deutscher Klöster auch Fälscherwerkstätten? Über 800 Exponate aus dem In- und Ausland, ein separater Ausstellungsbereich mit Objekten zum Anfassen und Ausprobieren, viele Events, Workshops, Führungen und Mittelaltermärkte macht die Schau zu einer Erlebnisreise in die Welt der Ritter und Burgen im Ruhrgebiet. Für die Ausstellung wurde eigens eine Burg errichtet, der hölzerne Wohnturm ist einer der Höhepunkte der Ausstellung "Aufruhr 1225". Zudem haben im Rahmen der Schau Wissenschaftler eine Übersicht der über 400 Burgen, die es zwischen Ruhr und Emscher gegeben hat, erarbeitet. Viele dieser Burgenbauten waren nicht aus Stein, sondern große Holzwohntürme auf einem Erdhügel, sogenannte "Motten". Keine dieser Turmhügelburgen ist heute noch erhalten, so dass kaum jemand die am meisten verbreitete Burgenform des 13. Jahrhunderts kennt. Die nachgebaute "Motte" ist über 20 Meter hoch und so eingerichtet, als wären die Bewohner gerade erst gegangen. Mit eisernem Schutz ins Gefecht Eine weitere Attraktion in der Ausstellung "Aufruhr 1225!" ist ein so genannter Topfhelm, eine Leihgabe aus der Hofjagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien. Er wurde um das Jahr 1350 gefertigt und gehörte vermutlich dem österreichischen Adeligen Albert von Prankh. Neben dem Helm aus Canterbury ist er der einzige bekannte Topfhelm, der samt Helmschmuck erhalten ist. Ein lederner Aufsatz in Gestalt von Büffelhörnern ziert den aus Metall gefertigten Kopfschutz. Der starre Gesichtsschutz deckt fast das gesamte Gesichtsfeld ab und sorgt für das topfähnliche Aussehen des Helms. "Der Träger konnte nur sehr eingeschränkt durch schmale Schlitze sehen und bekam auch nur schwer Luft", sagt der Projektleiter der Herner Ausstellung, Dr. Stefan Leenen. Auch wenn der Wiener Helm vermutlich für Turniere genutzt wurde, verdeutlicht er doch anschaulich eine verhängnisvolle Entwicklung für die damaligen Ritter, so der Mittelalterexperte. Denn neue Waffentechniken zwangen die Reiterkrieger, den eigenen Körper auf dem Schlachtfeld stärker zu schützen. Leenen: "Anfangs mit vergleichsweise leichten Kettenhemden und Beinschützern ausgestattet, steckten die Ritter später von Kopf bis Fuß in Eisen." Das habe zum einen das Sehfeld, zum anderen aber auch die Bewegungsmöglichkeiten stark begrenzt.Der erhoffte Erfolg des zusätzlichen Schutzes blieb dagegen aus. Die Ritter verloren – bedroht von Bogen, Armbrust oder Langwaffen – ihre militärische Bedeutung. Dabei hatten sie jahrhundertelang das Kriegsgeschehen dominiert. Ihre Ausrüstung kostete ebenso wie die Ausbildung ihrer Kriegsrösser ein Vermögen. Die großwüchsigen Pferde der Profisoldaten wurden speziell dazu ausgebildet, im Schlachtgeschehen die Nerven zu behalten. Doch mit langen Stangenwaffen warfen gegnerische Fußtruppen die gepanzerten Reiter immer öfter aus dem Sattel. Bogenschützen bedrohten ihr Leben bereits aus großer Distanz. "Besonders die englischen Langbogenschützen waren gefürchtet", sagt Leenen. "Mit ihrer Hilfe zwang auch der Schwarze Prinz seine Feinde in die Knie." Schlacht von Worringen Eine der letzten großen Ritterschlachten des Mittelalters ereignete sich im Juni 1288 bei Worringen. In der Auseinandersetzung vor den Toren Kölns standen sich etwa 10.000 Kämpfer gegenüber, jeder Zweite von ihnen war ein Ritter. Der grausame Kampf entschied einen sechs Jahre währenden Erbfolgestreit um die Grafschaft Limburg. Rund 2000 Beteiligte verloren ihr Leben. Viele von Ihnen waren Bauern. Die meisten Ritter kamen glimpflich davon – nicht aber aufgrund ihrer Schutzhelme, sondern weil sie als Gefangene dem Gegner ein stattliches Lösegeld einbrachten. AufRuhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigenbis 28. November 2010 LWL-Museum für Archäologie Europlatz 1 44623 Herne Di, Mi, Fr 9-17 Uhr Do 9-19 Uhr Sa, So 11-18 Uhr Eintritt: 6,- Euro Familienkarte 12,- Euro |




1225 kommt der Kölner Erzbischof Engelbert während eines Überfalls bei Gevelsberg gewaltsam ums Leben. Wie dieser Mord die Region veränderte, ist das Leitmotiv der größten Mittelalterausstellung, die bisher im Ruhrgebiet gezeigt wurde. Und damals ging es ganz und gar nicht zimperlich zu: Zunächst sieht das Geschehen aus wie ein brutaler Mord. "Die zeitgenössischen Schilderungen des Zisterziensermönches Caesarius von Heisterbach, der die Lebensgeschichte Engelberts niederschrieb, lassen auf eine äußerst blutrünstige Tat schließen", so Dr. Stefan Leenen, Projektleiter der Ausstellung. Über 40 schwere Hieb- und Stichwunden soll der Bischof erlitten haben. Eine Untersuchung der Gebeine durch den Kölner Gerichtsmediziner Prof. Dr. Günter Dotzauer bestätigte 1978 die Überlieferungen von Caesarius, der sich auf Augenzeugen stützte. "Der Tod Engelberts war dennoch vor der Tat nicht geplant", vermutet Leenen. "Wahrscheinlich wollten ihn seine Verfolger gefangen nehmen, um politische Zugeständnisse zu erpressen." Hätten sie den Bischof ermorden wollen, wäre ein einzelner Attentäter mit einer Armbrust ausreichend gewesen. "Als der Überfall schief lief, schlugen vermutlich alle zu, um sich anschließend nicht aus der Schuld stehlen zu können. Deshalb das Gemetzel."
Am Leben und Sterben des Erzbischofs Engelbert von Köln und seines Kontrahenten Friedrich von Isenberg erzählt die Ausstellung von Mord und Fehde, Macht und Niederlagen, Raubrittern und Edelmännern. Neben "Klassikern" wie Waffen und Rüstungen, goldenen Reliquiaren oder Kochgeschirr lernen Besucher auch die kuriosen und unbekannten Seiten dieser Epoche kennen. Was machten beispielsweise die Knochen des ermordeten Erzbischofs auf der Hochzeitstafel des Königs? Warum galten Hände eines Gehenkten als Talisman? Waren die Schreibstuben deutscher Klöster auch Fälscherwerkstätten? Über 800 Exponate aus dem In- und Ausland, ein separater Ausstellungsbereich mit Objekten zum Anfassen und Ausprobieren, viele Events, Workshops, Führungen und Mittelaltermärkte macht die Schau zu einer Erlebnisreise in die Welt der Ritter und Burgen im Ruhrgebiet.
Eine weitere Attraktion in der Ausstellung "Aufruhr 1225!" ist ein so genannter Topfhelm, eine Leihgabe aus der Hofjagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien. Er wurde um das Jahr 1350 gefertigt und gehörte vermutlich dem österreichischen Adeligen Albert von Prankh. Neben dem Helm aus Canterbury ist er der einzige bekannte Topfhelm, der samt Helmschmuck erhalten ist. Ein lederner Aufsatz in Gestalt von Büffelhörnern ziert den aus Metall gefertigten Kopfschutz. Der starre Gesichtsschutz deckt fast das gesamte Gesichtsfeld ab und sorgt für das topfähnliche Aussehen des Helms. "Der Träger konnte nur sehr eingeschränkt durch schmale Schlitze sehen und bekam auch nur schwer Luft", sagt der Projektleiter der Herner Ausstellung, Dr. Stefan Leenen. Auch wenn der Wiener Helm vermutlich für Turniere genutzt wurde, verdeutlicht er doch anschaulich eine verhängnisvolle Entwicklung für die damaligen Ritter, so der Mittelalterexperte. Denn neue Waffentechniken zwangen die Reiterkrieger, den eigenen Körper auf dem Schlachtfeld stärker zu schützen. Leenen: "Anfangs mit vergleichsweise leichten Kettenhemden und Beinschützern ausgestattet, steckten die Ritter später von Kopf bis Fuß in Eisen." Das habe zum einen das Sehfeld, zum anderen aber auch die Bewegungsmöglichkeiten stark begrenzt.