Der einzig echte Club im Ruhrgebiet.Alles andere ist nur Disco: Im Hotel Shanghai feiert der moderne Ruhrstädter vor großstädtischer Deko. Nach wie vor geben sich die Stars der Elektroszene die Klinke in die Hand. Doch: das Hotel ist noch immer ein Geheimtipp.
Denn wie sonst lässt sich erklären, dass bei einer Nacht mit DJ Koze nicht mindestens 5.000 Leute vor der Tür stehen? Gut, um 1 Uhr war es rappelvoll und bis weit nach Sonnenaufgang ging die Meute zu minimalen bis hämmernden Elektrosounds mächtig ab. Sowohl auf der Tanzfläche direkt vor dem DJ-Pult, auf den großen Sitzkissen gegenüber der Theke als auch auf der Empore war alles in Bewegung – und auch der Plattenleger selbst ging bei seinem Gig gut ab. DJ Koze, der weltweit in den Clubs gefeiert wird, in den letzten Jahren einen großen Bogen um das Ruhrgebiet machte, in der Nacht zuvor noch bei der Kölner Partylegende "Total Confusion" am Werk war, sprang nach dem straighten und anheizenden Programm von Resident Tobias Becker sichtlich gut gelaunt zwischen Turntable und Plattenkoffer hin und her, trieb die Tanzwütigen an, klatschte zu den Beats lachend in die Hände. Der macht seinen Job echt gerne. Und: Tobias Becker ging auf den Sound von DJ Koze ebenfalls ab wie ein Zäpfchen. Denn das Set war ein rasanter Trip zu einer Vielzahl elektronischer Richtungen. Zum Teil irritierte er die wild tanzenden Gäste durch abrupte Stilwechsel. Er ließ Sounds auslaufen ohne das übliche und lautstark eingeforderte Soundgewitter abzufeuern. Dafür ließ er vielmehr durch strange Beatattacken fern jedes Taktes die Synapsen der feiernden Shanghai-Bande knistern. So wurde der Pony-Song "Gothic Girl" lediglich angedeutet und als man ihn gerade erkannte, war Koze schon längst in schräge Tonlagen und ungewöhnliche Geräuschkulissen verfallen. Dann harte gerade Beats im Wechsel mit Old School House-Nummern, unterbrochen von harmonischen Pianosounds. Plötzlich knarzende Kracher wie aus der Zirkusmanege, die jeden Versuch, ernsthaft weiterzutanzen im Keim erstickten und für lachende und gleichermaßen fragende Gesichter sorgten – ein Gast will gar ein Sepultura-Gitarrenriff gehört haben.
Hier ist Metropole
Anspruchsvolle Musik in einem Club, der allein durch sein Programm im Ruhrgebiet einzigartig ist. Das Konzept des Ladens ist durchdacht und scheut sich nicht vor Veränderungen. Klassisch asiatisch muten nach der letzten Renovierung nur noch die Lampions über der Theke an. Hier ist Metropole und diese hat man mit der Skyline von Shanghai nicht einfach nur an die Wand gemalt. Über den architektonischen Symbolen der chinesischen Mega-Metropole wachsen aus den Wänden kantige weiße Felsen, die aus dem Club eine Höhle zaubern und bei wechselnder Beleuchtung entweder warme Geborgenheit oder eiskalte Bedrohung ausstrahlen. Die durchweg reduziert eingesetzten Lichteffekte und die durchgehend wummernde Lautstärke gaukeln Underground nicht nur vor, sie sind Teil von ihm. Und dann wird die neue Discokugel angeschmissen und das härteste aller Stroboskope taucht die Tanzenden in gleißendes Licht. Das Hotel Shanghai ist ein Laden für Leute, die weder in eine (klassische) Disco gehen, noch sich für die Nacht in einem der "angesagten Szeneclubs" in die trendigsten Ausgehklamotten schmeißen möchten. Style ist hier anders. Ins Hotel Shanghai geht man, wie man gerade ist – casual: einfach unaufgeregt großstädtisch. Und das ist im Ruhrgebiet sonst nicht so angesagt. Schickimicki hat hier keine Chance, Mainstream keinen Zutritt. Und so trifft man im Hotel Shanghai sowohl junges Publikum in Jeans und Shirt als auch Clubber jenseits der 35, die trotz des vielleicht gut bezahlten Jobs nicht mit irgendeinem Status auftrumpfen und sich partytechnisch noch lange nicht zur Ruhe gesetzt haben. Man feiert zusammen, ziemlich stressfrei, selbst wenn der Laden bei 500 Tanzenden arg an seine Grenzen stößt. Da stört es kaum jemanden, dass man auf dem Weg zur Toilette einige ausschweifende Arme und Beine, schwitzende Körper beiseite schieben muss, dass die Tanzfläche auch noch um 5 Uhr zum Bersten voll ist. Im unteren Bereich oder auf der Empore mit den weich gepolsterten und intimen Separees findet man den richtigen Platz: ob zum Durchdrehen, Herumspringen, lässig mit dem Fuß wippen, für eine gute Unterhaltung oder den Blick auf den Lieblings-DJ. So geht es in allen Ecken angenehm entspannt zu. Trotz der heftigen Lautstärke kommt man schnell mit anderen Hotelgästen ins Gespräch und erfährt, dass ein ehemaliger Duisburger einmal im Monat aus seiner Wahlheimat Saarbrücken nach Essen kommt um sich seine asiatische Partyportion zu geben. Oder ein junger Kölner, der zum ersten Mal im Revier-Club Nr. 1 ist, eigentlich eher auf Gitarrensounds steht, aber nach spätestens einer halben Stunde auf dem Elektrobeat durch die Decke geht.
Kein übliches Brimborium, dafür ein einzigartiges Programm, das auch vor der Stromgitarre an Freitagen (King Kong Klub, Trash Pop, Heimatmelodie) nicht Halt macht. Dazu leben im Hotel Shanghai einige illustre Gestalten: Drag Queens mit amputierten Puppenteilen auf dem Kopf, mächtigen und Angst einflößenden Atombusen sowie absurd geschminkten Gesichtern, schräge kleine Menschmaschinen-Wesen, die an Figuren aus Aphex Twin-Videos erinnern und aufgescheucht hin und her laufen, irgendwie verwirrend sind. So wird der auf Mainstreamevents noch immer schwer angesagte Programmpunkt "Walking Acts" ad absurdum geführt. Bei all den schrägen Figuren: Berührungsängste sorgen dafür, dass man eine nette bis sogar richtig witzige Unterhaltung versäumt.
Insgesamt erhält das Hotel Shanghai das Prädikat "echter Club". In Szenemetropolen wie Berlin, London, New York oder natürlich Shanghai würde die Location mit ihrem Programm schon aus dem Rahmen fallen, für das Ruhrgebiet mit seinen oftmals angepassten Szenen und seinem Hang zur gleichgeschalteten Massenparty ist der Club ein Ausnahmefall und das Highlight in der hiesigen Clublandschaft schlechthin. Dazu stimmen die Eckdaten wie Preise (10,- Euro Eintritt, 0,2 l Cola 3,- Euro), Freundlichkeit der Türsteher und des Personals im Laden.
Also: Für alle, die das Besondere suchen und die Irritation nicht scheuen.
Hotel ShanghaiSteeler Str. 33 45127 Essen www.hotelshanghai.de 04.12. Motor City Drum Ensemble, Moritz v. Pein 11.12. Raresh, Tobias Becker, Jason Emsley live 18.12. Shit Robot, Langenberg, Lukas Wenninger 24.12. Lollywood & Supakool feat. Big Fat Lumpenball mit Ascii.Disko 31.12. André Galluzzi, Tobias Becker, Langenberg, Kai von Glasow |