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JUICY BEATS 2009

Rekord: Westfalenpark komplett zerlegt.

Punkirritation vs. Elektro-Kindergarten: Mit der 14. Ausgabe des elektronischen Open Air-Festivals sind die Juicy Beats zum Massenevent geworden. Doppelt so viele Besucher wie sonst üblich feierten auf Knopfdruck eine wilde Party.

War es wirklich so schlimm bei den Juicy Beats 2009? So manch langjähriger Festivalgast sah angesichts der Massen nur noch einen Ausweg.Dortmunder Westfalenpark, 1. August, 22:30 Uhr: Die ehemalige Wiese vor der Mainstage gleicht einem Kriegsschauplatz. Tausende Euro Dosenpfand drücken sich in die Erde, verstörte Sonnenbrillen, Handyteile und Schuhe verteilen sich, Schlamm wohin man auch blickt. Auf dem Weg vom Apfel in Richtung Buschmühle geht nichts mehr. Tausende gebierduschte Festivalbesucher quetschen sich zum nächten Floor - die Party muss weitergehen. Auch jetzt noch, nach dem Ende des Tagesprogramms mit Bands, Acts  und DJs auf 17 Floors, lässt das berüchtigte Nachtprogramm immer noch tausende Partywillige an den Parkeingängen Schlange stehen. 
 
Mit den Flamingos um die Wette posen
Wer als auswärtiger Besucher am Nachmittag wegen der Vollsperrung der A40/B1 überhaupt am Westfalenpark angekommen war, staunte nicht schlecht: An allen Eingängen herrschte Hochbetrieb und schon zu diesem Zeitpunkt war klar, dass hier irgendetwas vor sich geht, die Juicy Beats irgendwie anders sind. Im Park selbst verlief sich das Partyvolk zunächst traditionell. Man schaute sich um, ging mal zum Minigolfplatz-Floor, wo Jack Tyler einen einsam aber dafür um so exzessiver tanzenden "Parkplatzraver" unterhielt, schlenderte am VRSTCK-Floor am kleinen Sonnensegel vorbei und wippte ein wenig mit dem Fuß zu den treibenden Electro-House-Beats von Rother/Nusch, poste mit den Flamingos um die Wette und ließ sich zu den T-Shirt-Ständen vor dem Sonnensegel und dann zum ersten Bierstand treiben, wo man beim kurzen Regenschauer spontan mit anderen Besuchern ins Gespräch kam. Da waren beispielsweise zwei Juicy Beats-Neulinge, nennen wir sie einfach Mukubay-Früchtchen aus Herne und Himbeer-Törtchen aus Bielefeld, die nach einem streng ausgearbeiteten Plan beim Festival nichts verpassen wollten und vor allem wegen Punk-Piss-off-Attitüde im verhassten Dortmund: Schorsch Kamerun von Die Goldenen Zitronen luden nicht zum Tanzen ein!Jazzanova, Alter Ego und Deichkind nach Dortmund gekommen waren, das Konzert von Frittenbude richtig gut fanden. Ein paar Meter weiter probte eine sehr junge Hip Hop-Posse eine lautstarke Tanz-Battle, legte sich eine Juicy Beats erprobte Beucherin angesichts des Massenandrangs spontan auf die Schienen der Parkbahn. Denn: Dominierten "erwachsene Besucher", gerne mit Kind und Kegel und Picknick-Korb, sonst das Bild der nachmittäglichen Juicy Beats, konnte man in diesem Jahr einen drastischen Anstieg junger bis sehr junger Besucher beobachten - junges Partygehabe inklusive. Die üblichen Verdächtigen, Leute, die man Jahr für Jahr immer wieder auf der großen Wiese bei den Juicy Beats trifft, zeigten sich am Nachmittag ebenfalls irritiert über die in den Park strömenden Menschenmassen. 
 
Punkirritationen beim Tanzfestival
Das erste Highlight für die "ältere Generation" war dann der Auftritt der Goldenen Zitronen, die im Rahmen einer "erholsamen halben Stunden in dieser Gartenbauausstellung" allen Grau- melierten das Grinsen ins Gesicht meißelten und mit absolut untanzbarer Musik auf diesem ausgewiesenen Tanzfestival für eine erhebliche Portion Punkirritation sorgte. Mit ihrem Opener "Wenn ich ein Turnschuh wär" legten sie inhaltlich die Marschrichtung fest, zunächst minimalistisch, dann immer punkiger wie bei den Songs "Angst und Bange am Stück" oder "Es ist alles gut Mutter", hielt Sänger Schorsch Kamerun an seiner Punk-Piss-off-Attitüde bis zum letzten Ton fest - ob es den Leuten nun gefällt oder nicht. Weitaus gefälligere Töne, nämlich Techno in Reinkultur, gab es dann auf der restlos überfüllten Festwiese von Alter Ego. Da wurde nicht nur direkt vor der Bühne ausgelassen und wild getanzt, gehüpft und gesprungen: kollektives Steilgehen bei brennender Sonne tröstete so manchen Technofan über die ausgefallene Loveparade Vol. Bochum und den bislang eher nicht stattgefundenen Sommer hinweg. Dass dies aber erst der Anfang von etwas ganz Großem sein sollte, war auch Juicy Beats-Erfinder Carsten Helmich klar. "Sonst konnte ich immer auch noch kurz vor dem Top Acts auf der Mainstage mit meinem Fahrrad über die Wiese fahren. Seit heute Nachmittag gibt es da kein Durchkommen! Toll ist vor allem, dass alles wieder sehr friedlich abgeht."
 
Dichtes Gedränge bei Alter Ego, wilde Party bei Deichkind: Die Juicy Beats 2009 lockten doppelt so viele Besucher an wie in den letzten Jahren.
Elektrokindergarten mit Bierdusche
Während die Sonne langsam am Horizont verschwand und die quietschenden und kreischenden Synthie-Klänge von Alter Ego verstummten, war es langsam Zeit sich seinen Platz auf der Wiese zu erobern, oder aber sicherheitshalber in die hinteren Reihen zu verkrümeln, die mitgebrachten Fahnen auszupacken und sich warmzugrölen: Deichkind standen in Startlöchern, den Juicy Beats auf der vergrößerten Mainstage zu zeigen, was eine zünftige Elektro-Turnstunde ist. Punkt neun legte die selbst ernannte Electric Super Dance Band in bewährten Schwarzlichtkostümen und mit den charakteristischen Pyramidenkopfbedeckungen mit dem Song "Alle Vögel sind schon da" los und die Masse auf der Wiese ging ab wie auf Knopfdruck; Elektrobeats, deutscher Grölgesang und eine durchgestylte Choreografie reichen aus den Hauptschüler und den Arzt gleichermaßen in Ekstase zu versetzen - aber vielleicht waren da auch noch andere Mittel im Spiel. Deichkind jedenfalls hauten vor allem Stücke ihres aktuellen Albums "Arbeit nervt" wie "Dicker Bauch" oder das eher melancholische "Luftbahn". Vorrangig auch 2009: die Show! Beim Song "Hovercraft" kam im Westfalenpark  regelrecht eine Sturmflut auf, als da das Deichkind-Schlauchboot "in See" stach und unter den Gästen in den ersten Reihen Schnaps verteilt wurde, eine Performance mit nacktem Schwabbelbauch und Schweinemaske gab es bei "Urlaub vom Urlaub", das übliche Trampolingehüpfe, Pferdeköpfe, Konfettibomben, ein tanzendes Küken, Wasserpistolen komplettierten den Elektro-Kindergarten. Und natürlich durfte auch die von den Fans herbeigesehnte Bierdusche nicht fehlen. Die Vorbereitungen hierzu wurden beim Song "Limit" getroffen - über verschiedene Verteilerstellen gingen die Bierdosen ins Publikum, die eine oder andere Dose wurde im Übermut zu früh gezündet. Und dann kam das Finale, "Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)" und eine noch gigantischere Bierdusche als bei den Juicy Beats 2007, quasi ein Bieratompil(s)z, ging über den Westfalenpark nieder.
 
Während, wie schon gesagt, die nächtlichen Juicy Beats-Gäste noch immer in den Park strömten, war das Open Air-Spektakel für viele andere nicht erst an dieser Stelle schon gelaufen. Vielleicht waren auch wir zu nüchtern oder zu sehr Freunde der gemütlich-familiären Juicy Beats, die es nach dieser Ausgabe wohl nie wieder geben wird. Vielleicht hatten wir uns auch einfach zu dick mit Niveau-Creme eingeschmiert?
 
Bilder von den Juicy Beats 2009 gibt es in unserer Fotogalerie.
 

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